SZ zum Projekt #inselhelden

Dieser Artikel von Ralf Wiegand erscheint morgen (22.7.) in der Süddeutschen Zeitung. Kein Veriss 😉

Fünf Chefredakteure machen eine Woche lang Zeitung auf Föhr.
Ein großer Spaß – und ein Versuch, sich im digitalen Wandel wieder auf die Wurzeln der Branche zu besinnen: den Lokaljournalismus.Von Ralf Wiegand

Das Leben auf einer Insel, sofern es sich bei der Insel nicht um jene von Robinson Crusoe handelt, wo einen die Welt aber auch mal so was von kann, ist weit weniger idyllisch als angenommen. Alles ist teurer als auf dem Festland, das Bauen von Häusern und gutes Essen zum Beispiel, die Flucht aus dem Alltag hängt am Fahrplan der Fähren – und voll ist es auch, vor allem, wenn die Insel touristisch reizvoll und gerade Sommer ist.

Beides trifft auf Föhr zu, und man kann das durchaus genießen, falls einem harmlose blaue Quallen egal sind – und man nicht gerade schwanger ist. Denn der Inselnachwuchs kommt seit vergangenem Herbst auf dem Festland zur Welt, die werdende Mutter wird zwei Wochen vor dem Geburtstermin in ein „Boarding House“ eingewiesen. Schlimme Sache für Insulaner, wo jedes Baby ja fast zur Familie gehört. Also zu jeder Familie. Gegen die Schließung des Kreißsaals im Krankenhaus der Insel-Kapitale Wyk demonstrieren die Menschen noch immer, gut 2000 waren es am vergangenen Wochenende. So stand das am Dienstag im Insel-Boten.
Lokalzeitungen wie der Insel-Bote und Kreißsäle teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie werden dichtgemacht, wenn sie sich nicht mehr rechnen. Der Insel-Bote für Föhr und Amrum rechnet sich noch, die Auflage liegt stabil bei mehr als 2000 Exemplaren. Im Sommer, wenn die Touristen da sind, werden noch etwas mehr verkauft, gut 2800.
Zeitung auf einer Insel, das ist Lokaljournalismus unter der Lupe. Kein Ort auf Föhr, den man nicht mit dem Fahrrad erreichen könnte, kein Insulaner, der nicht jemanden kennen würde, der wiederum jemanden kennt, den man sprechen müsste. Der eigene Lebensraum als Netzwerk, und der Journalist mitten drin. Herrlich.
Wo könnte man besser als hier „ran an die Menschen“, was ja alle Medien wollen, seitdem ihnen diese Menschen ohnehin immer stärker auf die Pelle rücken? Wo könnte man besser studieren, was „der Leser“ wirklich will, den viel zu viele Zeitungen noch immer nicht in der Gänze seiner Ansprüche, Gewohnheiten, Leidenschaften, Macken und Sorgen erfasst haben?
Chefredakteure von bedeutenden Regionalzeitungen müssen sich den ganzen Tag Gedanken machen über diesen Leser, das flüchtige Wesen, kommen aber immer weniger mit ihm in Kontakt – weil sie, eingekeilt zwischen Redaktion und Verlag, mehr Manager und Produktentwickler sind, Etat-Verwalter und Anzeigenkundenbespaßer, Repräsentant und Chef, aber nie noch selbst Reporter. Jeder, wirklich jeder Chefredakteur schwärmt bei Gelegenheit von den guten alten Zeiten, als er selbst noch an der Front um die neueste Nachricht kämpfte, und fällt schlecht gelaunt in sich zusammen, wenn er ans nächste Meeting mit den Gesellschaftern denkt.

Alkersum, 400 Einwohner. Das Museum feiert Geburtstag. Das ist heute die Story

Beim Insel-Boten auf Föhr, und das ist das Besondere, kommt derzeit jeder Artikel aus der Feder eines sehr gut gelaunten Chefredakteurs. Die Kreißsaal-Story hat Wolfram Kiwit aufgeschrieben, Chefredakteur der Dortmunder Ruhr-Nachrichten. Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, hat recherchiert, dass auf Föhr und Amrum rund 60 Immobilien zum Verkauf stehen – aber 21 Makler sich um die Abschlüsse balgen. Den siebten Geburtstag des Museums „Kunst der Westküste“ hat wiederum Kiwit abgefeiert, wobei ihm eine ferne Vergangenheit im Kulturressort geholfen hat, die zu seiner Biografie gehört. Jetzt eben: Alkersum, 400 Einwohner, Malkurs mit Kindern als Einstieg ins Thema. Kiwit hat eine Liebeserklärung an das Haus verfasst.

Eine Woche lang haben sich fünf Männer, die mit den Auflagen ihrer Blätter zusammen gut eine Million Zeitungskäufer repräsentieren, nach Föhr zurückgezogen, um dort Zeitung zu machen. Wobei die Kaperung des Insel-Boten, deren zwei Stammredakteure sich über eine Woche Sonderurlaub freuen, weniger Rückzug als Aufbruch zu sein scheint. „Es ist ein großer Spaß“, sagt Michael Bröcker, mit 39 Jahren der jüngste der Runde, zu der noch Ralf Geisenhanslüke ( Neue Osnabrücker Zeitung) und Jost Lübben ( Westfalenpost) gehören. Eine Art Chef der Chefs ist Stefan Kläsener, der die Redaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags in Flensburg führt (zu dem auch der Insel-Bote gehört).

Seit gut vier Jahren treffen sich die Medienmacher in noch etwas größerer Runde zwei, drei Mal im Jahr zum Gedankenaustausch, nachdem sie bei den großen Branchen-Kongressen festgestellt hatten, „dass wir die besten Gespräche in den Kaffeepausen führen“ (Bröcker). Auf einer ihrer freundschaftlichen Klausuren entstand die Idee zum gemeinsam Arbeitsurlaub an der Basis; Insel wäre gut, weil keiner wegrennen kann, Sylt schied aber aus wegen der Klischee-Falle. Also: Föhr, ran an die Basis. Sie wollen „das Gemurmel“ wieder hören, aus dem die Nachrichten entstehen. Das Lokale als Basis von allem.

Es ist die Gelegenheit, einfach mal etwas zu machen, über das sogar die Mediendienste freundliche kleine Stücke schreiben – jene Branchensatelliten, die sonst von nach unten rauschenden Verkaufszahlen berichten und jedes Konzept auseinandernehmen. Die Woche auf Föhr macht den deutschen Lokaljournalismus zumindest für kurze Zeit mal wieder zu einer Geschichte, die man ohne bedächtiges Kopfwiegen erzählen kann. Auch wenn man sich natürlich fragen darf, ob es dem Beruf des Lokalreporters gerecht wird, wenn man ihn auch einfach so ohne Ortskenntnis als Ferienabenteuer machen kann.

Alle „Inselhelden“ jedenfalls, so heißt das Projekt, haben daheim die gleichen Probleme. Die von der Digitalisierung der Information getriebene Veränderung vernichtet Gewissheiten. Geschäftsmodelle erodieren, das Verhältnis von Anzeigen- und Vertriebserlösen hat sich umgekehrt. Die einzelne verkaufte Zeitung wird immer wichtiger, die Stückkosten aber sind dramatisch gestiegen. Das alles gilt für alle, Konkurrenzverhältnisse haben sich aufgelöst. Früher streiften durch die Städte des Ruhrgebiets 60 Lokalredakteure von drei verschiedenen Zeitungen, heute sind es nicht mal die Hälfte – und alle gehören zum selben Haus. „Wir können uns mehr in die Karten schauen lassen“, sagt Stefan Kläsener. Nie sei die Bereitschaft zur Zusammenarbeit größer gewesen.

Die großen Regionalblätter in Deutschland verstehen sich als Vollversorger. Weltpolitik, Lokalnachrichten und alles dazwischen, nicht nur für Premiumkunden. Wer nie eine Lokalzeitung gelesen hat, wird auch den Wert überregionaler Blätter kaum schätzen. Gute Regionalblätter sind in der Fläche so präsent wie die Polizei, immer schnell am Ort des Geschehens. Sie vertreten den Bürger, wenn der mal keine Lust hat, die Gemeinderatsversammlung selbst zu besuchen. Ein Stück Demokratie.

Und doch muss es sich rechnen. Auch die regionalen Anbieter wandeln sich von Print- zu Medienhäusern, bespielen alle Kanäle. Bei der Rheinischen Post haben sie ein 360-Grad-Video von der Kirmes ebenso im Angebot wie ein Live-Video-Interview mit dem Oberbürgermeister. „Machen wir alles“, sagt Michael Bröcker. Auch von Föhr aus wird gebloggt, getwittert, eine Website bestückt; sogar eine Drohne ist im Einsatz für besondere Fotos auf Amrum.

Im Idealfall wird das Insel-Abenteuer so enden, dass die Chefredakteure ihre Lokalredaktionen daheim, in Kleve oder Melle, Fritzlar oder Solingen, wieder mehr schätzen. An den kleinsten Einheiten des Journalismus, den Büros mit dem Redakteur von nebenan, probieren die Betriebswirtschaftler in den Verlagen besonders gern Kosten-Nutzen-Rechnungen aus. Auch Michael Bröcker war mal so ein klassischer Lokalredakteur, er hat am Anfang seiner journalistischen Karriere Melkmeisterinnen porträtiert. „Nur der Lokaljournalismus“, sagt er heute, „wird uns die Zukunft sichern.“

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2 Gedanken zu “SZ zum Projekt #inselhelden

  1. Zu Solingen und dem Lokalteil: seit Jahren hoffe ich innerlich dass die Rheinische Post endlich das Solinger Tageblatt aufkauft. Dann hätte ich die große Zeitung UND den erschöpfenden Lokalteil samt Familienanzeigen.
    Dazu noch FAZ / SZ. Aber das geht zeitlich erst im Rentenalter. Ich bin erst 45.
    Die Inselheldenaktion finde ich super. Dadurch wird meine Vorfreude auf den bevorstehenden Föhr-Urlaub noch weiter gesteigert.
    Föhr: den Inselboten im Aushang lesen während meine Tochter im gegenüberliegenden Rossmann Urlaubskram einkauft.
    Dann wieder zurück nach Dunsum mit seinen 70 Einwohnern. Abends auf der Terrasse Sonnenuntergang mit Kuhparade.
    Föhr mit 8500 Einwohnern, und seinen 14 Gemeinden, 14 Bürgermeistern, gefühlten 14 Feuerwehrfesten und unterschiedlicher Kurtaxe für Föhr-Land und Föhr-Stadt.
    Drei Parkuhren? Unglaublich!
    Der Milchbauer: „mannomann, seit Wochen brauch ich vom Amt ne Baugenehmigung fürn Stall. Hinnerk stöhnt, Mensch, ich muss doch die Flüchtlinge unterbringen. Mach man, guck dass die Leute ordentlich leben können. Dat is wichtig. Brauchst du was?“

    Ich freue mich noch auf zwei Tage Inselhelden Blog und bin aufs nächste Jahr gespannt.

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  2. Bis auf den Immobilienbericht von Herrn Bröcker, eine sehr gelungene Aktion! Als Leser und Insulaner war es eine große Freude, die Insel mit etwas Abstand betrachtet zu wissen, das hat Spaß gemacht! Den hiesigen Lokalreportern wünsche ich mehr Mut bei der Auswahl der Themen und öfter die Bereitschaft, das Problem von allen Seiten zu betrachten.
    So geht Lokalpresse!

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